1. August 2020 EBO Köln

Corona und das Kölner Offizialat

Offizial Dr. Assenmacher im Interview

 

Über die kirchliche Ehegerichtsbarkeit in Zeiten von Corona sprach der Kölner Offizial Dr. Günter Assenmacher in einem Interview mit dem Domradio; das Gespräch wurde am 01.08.2020 veröffentlicht:

 

Der Corona-Lockdown veranlasste auch das Kölner Offizialat, seinen allgemeinen Büro­betrieb zu beschränken und, soweit möglich, mit Heim-Arbeit aus­zuglei­chen. Doch im Kerngeschäft, nämlich bei den Anhörungen der betrof­fenen Eheleute und ihrer Zeugen wurden die Anhörungen aufgeschoben auf die Zeit der Lockerung. Das schien erforderlich, weil es in den Verfahren sehr auf die unmittelbare, persön­liche Begegnung ankommt, um möglichst gut zu verstehen, wie die Ehe­leute, sofern beide zum Gespräch bereit sind, ihre Ehe eingegangen waren.

Ob coronaler Stress die Zahl gescheiterter Ehen und der kirchlichen Eheverfahren deutlich vergrößern wird, bleibt abzuwarten. Die aktuellen Zahlen der kirchlichen Eheverfahren sind – demographisch bedingt – eher rückläufig; das wurde durch die päpstliche Reform des Eheprozess­rechts von 2015 nicht nachhaltig gebremst.

Dass Ehen gegenwärtig scheitern und dies zu einem beachtlichen Teil auch nach langen Jahren, dürfte heutzutage auf ein gesteigertes "Glücksdiktat" zurückgehen. Lasten, Zumutungen und Kränkungen wollen viele nicht mehr geduldig ertragen, eher opfern sie die Ehe der eigenen Selbstverwirklichung. Über das gemein­same Bewältigen von Anfechtungen müssten Eheleute mehr sprechen und darin unter­stützt werden. Dabei scheint es, dass Erlebnisse aus der Ehe der eige­nen Eltern die Menschen viel mehr prägt, als sie sich eingestehen möchten und für den Partner in Rechnung stellen. Auch fällt ein Verzeihen zunehmend schwer, das freilich kein Freibrief für die Zufügung von Verletzungen sein darf.

 

Die Verfahren der Offizialate werden von manchen als "Scheidung auf katholisch" an­gezweifelt und haben leider ein schlechtes Image; sie werden als Zumutung empfunden oder als juristische Konstruktion im Nachhinein. Dabei gibt es sicherlich eine Spannung, weil die Verfahren "keine Wunschkonzerte" sind:  Das kirchliche Gericht konstru­iert keine Geschichte, sondern versucht das vergangene Geschehen sorgfältig zu ergründen. Das hat für die Beteiligten wider Erwarten oft etwas Befreiendes. Doch manchmal tun sich auch menschliche Abgründe auf; und das müssen die Beteiligten aushalten können.

Nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil sie emotional oft stark besetzte Fragen betreffen, werden diese Verfahren ganz diskret geführt. Über ein beendetes Ver­fahren spricht kaum ein Beteiligter, weil es eine Privatheit gibt, deren Schutz man wahren will und respek­tieren muss.

Ein Kampf gegen Windmühlen sind die Verfahren der Offizialate nicht, wenn man sie mit der erforderlichen Geduld angeht. Die Verfahren ergeben sich aus der An­erkennung dessen, dass die Ehe "nicht irgendein Versprechen" ist, sondern dass sie die Partner unter eine Verheißung stellt, ein Stück Himmel auf Erden zu sein. Beim Scheitern, nämlich dass eine Ehe zur Hölle auf Erden werden kann, lässt sich "nichts schön­reden".